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Der Schmerz bleibt, auch wenn alles wieder aufgebaut ist

    Nach der Krisenbewältigung folgen lange Trauerprozesse.

    Ina Rohlandt leitet die Hospizbewegung in Koblenz: „Ich bin in Sicherheit, sagt sie. „Aber nur wenige Kilometer von hier ist Unfassbares geschehen. Mein Team von haupt- und ehrenamtlichen Trauerbegleiter:innen steht bereit!“ Denn nach der Krise ist mitten im Trauerprozess.
    Viele qualifizierte Trauerbegleiter:innen bereiten sich darauf vor, ihre Kompetenz den Menschen zur Verfügung zu stellen, deren Freunde und Angehörige in den letzten Tagen umgekommen sind. In einer erschütternden Krise, wie sie jetzt erlebt wird, gibt es wenig Raum für Gefühle und Erinnerungen. Erst, wenn das unmittelbare Überleben gesichert ist, werden Schmerz und Sehnsucht Raum bekommen. Erst dann wird es möglich sein, Erinnerungen zu sortieren, die nicht nur die letzten schrecklichen Stunden rekapitulieren, sondern den ganzen Menschen in den Blick nehmen, auch wenn er unter tragischen Umständen gestorben ist. Dieser Trauerprozess wird auch dann noch Kraft und Unterstützung brauchen, wenn die große Welle der Unterstützung abebbt. Deshalb gibt es Menschen, die sich auf die langfristige Beratung und Unterstützung von trauernden Menschen spezialisiert haben. In Einzelgesprächen oder Trauergruppen ermöglichen sie das Gespräch ohne Scham und ohne Angst, denn sie sind nicht überfordert mit dem Schrecklichen. Sie können und wollen niemandem den Trauerschmerz abnehmen, aber sie können dabei helfen, ihn zu tragen. Das wird aber erst in einigen Wochen oder Monaten möglich sein. Im Moment geht es um die unmittelbare Krisenbewältigung. Es gilt Menschen zu retten, sie unterzubringen und mit dem Nötigsten zu versorgen. „Chaosphase“ nennt Ali Roepke das, Notfallseelsorger aus Bonn, der schon an vielen Kriseneinsätzen in der ganzen Welt beteiligt war. „Beratungsbedarf wird es sicher geben – aber noch nicht jetzt!“
    Zunächst müssen Verstorbene gefunden, geborgen und überführt werden, denn selbst Friedhöfe und Bestattungsunternehmen sind in den betroffenen Regionen weggespült worden. Bestatter:innen und Seelsorger:innen unterstützen die Betroffenen in dieser wichtigen Zeit. Doch was kommt dann? „Wir werden einfach zugängliche Strukturen brauchen, in denen Menschen, die Verluste erlitten haben, sich treffen und austauschen können.“ Die Trauertherapeutin aus Bonn Chris Paul ist Expertin für Verluste, die mit traumatischen Bildern verbunden sind. Zusammen mit der Bonner Dozentin und Trauerbegleiterin Eva Kersting aus Rees hat sie die Idee für lokale Unterstützungsangebote entwickelt: „Trauerbegleiter:innen können vor Ort für Gespräche zur Verfügung stehen, wir möchten neben Beratungsangeboten aber auch niedrigschwellige Begegnungsorte schaffen, wo Menschen sich gleichzeitig stärken und entlasten können.“
    Barbara Koch, Geschäftsführerin der Handwerkskammer Koblenz, sieht Verluste noch an anderer Stelle – Häuser, Geschäfte, ganze Existenzen sind zerstört. Diese Verluste müssen ebenfalls betrauert werden, wenn die Zeit dafür kommt. Trauerwege dauern selbst ohne dramatische Bedingungen länger als das bekannte Trauerjahr, daher ist langer Atem gefragt. Wenn die Räumfahrzeuge und die vielen helfenden Hände sich zurückgezogen haben, wird Unterstützung für die Seele wichtig sein. Dann werden Trauer- und Krisenbegleiter:innen für die Betroffenen da sein.

    Klingenmünster, den 21.07.2021